Die Vision
Ein gemeinsam genutztes, standardisiertes Kommunikationsprotokoll: Was technisch kompliziert klingt, ist so simpel wie genial und als technische Blaupause längst bekannt: E-Mail. Egal ob die eigene Adresse bei Proton, Posteo, Gmail oder GMX gehostet ist, digitale Briefe kommen am Zielort an. Auf dieser Idee bauen wir auf.
Das Jahr 2028. Das Open Social Web hat dank smarter Investitionen und politischer Weitsicht den Durchbruch erreicht. Über 100 Millionen Menschen verbinden sich, kommunizieren miteinander und erleben die Welt offener, sozialer Netzwerke. Ohne Plattformökonomie à la Meta, Bytedance, Alphabet und Co.; ganz ohne digitalen Umzugsstress und ohne toxische Designs. Das Prinzip wie E-Mail: Ob Mastodon, Euroskys Mu oder Streamplace – ein Account, eigene Posts und Inhalte, eigene Entscheidungen, die Freiheit, sich mit 100 Millionen Nutzenden weltweit zu verbinden.
Eine kritische Masse an Nutzenden in Europa haben den Plattform-Monopolen den Rücken zugekehrt und einen freien Markt auf interoperabler Infrastruktur geschaffen. Heute entscheiden die Nutzenden selbst, welche Inhalte, welche Algorithmen und welche Anwendungen sie verwenden möchten. Aus geschlossenen Plattformen sind offene Netzwerke geworden. Auf den Protokollen ActivityPub und AT Proto (sowie Matrix für direkte Kommunikation) ist ein Ökosystem an nicht-kommerziellen, öffentlich-rechtlichen wie kommerziellen Angeboten entstanden, die gemeinwohlorientierte Projekte wie Mastodon und Eurosky bereichern und flankieren und über gemeinsame Schnittstellen miteinander kommunizieren können.
Diese Vision beschreibt das Open Social Web (OSW): eine dezentrale, gemeinwohlorientierte Infrastruktur für digitale Kommunikation, die auf offenen Standards und interoperablen Protokollen basiert.
Die Herausforderungen
Die Idee des Open Social Web ist nicht neu. Das Fediverse wird bereits seit 2008 entwickelt und hat vielfältige, lebendige Communitys, die einzelne Anwendungen entwickeln und Instanzen betreiben. Während der Fokus bisher in Europa, Nordamerika und Japan liegt, gibt es mittlerweile über 100 Anwendungen, z. B. Mastodon, Loops oder Peertube, und mehr als 42.000 weltweit aktive Instanzen. Und dennoch wächst die aktive Nutzendenzahl von etwa 13 Mio. nur langsam. Die ATmosphere-Community entwickelt sich seit 2022, primär in Nordamerika, aber zunehmend auch in Europa und darüber hinaus. Aktuell gibt es etwa 43 Mio. registrierte Accounts und dutzende Implementierungen bzw. Anwendungen wie Euroskys Mu, Gander oder Sill.
Beide protokollbasierten sozialen Netzwerke sind aus vielerlei Gründen attraktive Alternativen zur Plattformökonomie, die von Meta, ByteDance und Alphabet dominiert wird. Warum wechseln Menschen bisher dennoch nur zögerlich?
Wir haben fünf zentrale Herausforderungen identifiziert: Infrastruktur, Governance, Finanzierung, Attraktivität und öffentlicher Auftrag. Im Folgenden zeigen wir auf, wie wir diese überwinden, um die Open Social Web Alliance gemeinsam zum Erfolg zu führen.
Der Weg
Ein solches Ökosystem entsteht nicht von allein. Unser Fahrplan zeigt, wie das Open Social Web innerhalb weniger Monate eine relevante Größe bekommen kann. Es braucht politischen Willen, kluge Regulierung, ausreichend Finanzierung und eine breite Koalition aus Akteur*innen, die gemeinsam Verantwortung übernehmen. Die Aufgabe ist groß. Aber die Hebel sind vorhanden.
Als einen ersten Schritt begründen wir die Open Social Web Alliance – eine offene Allianz von Interessieren aus Zivilgesellschaft, Forschung, Wirtschaft, Medien, Kultur und öffentlichem Sektor, die sich der gemeinsamen Governance des OSW verschreibt. Sie bringt eine Vielzahl bestehender Communitys und Initiativen zusammen und soll künftig von einer öffentlich-finanzierten Sekretariatsfunktion unterstützt werden. Ihr zentrales Ziel: der Ausbau und Betrieb der OSW-Basisinfrastruktur (siehe 2.1 Infrastruktur).
Die Bundesregierung unterstützt die Alliance ausdrücklich. So übernimmt sie im Herbst 2026 die Schirmherrschaft für einen Open Social Web Summit, zu dem alle Akteur*innen, die ein Interesse am OSW haben, eingeladen sind.
Auf dem Summit vereinbart die Alliance ihre Charta, nach der sie neue Interessierte aufnimmt und ihre Governance künftig umsetzen will (siehe Kapitel 2.2 Governance). Im Frühjahr 2027 steht die öffentliche Finanzierung für die Infrastruktur und die erste Grundfinanzierungsrunde aus öffentlichem und privatem Kapital für Innovationen und Anwendungen (siehe Kapitel 2.3 Finanzierung). Die Alliance veröffentlicht einen ersten Social Web Health Report mit Ergebnissen aus Nutzendenbefragungen, rechtlichen, technischen und wissenschaftlichen Analysen und klaren Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung (siehe Kapitel 2.4 Attraktivität). Parallel dazu stellen Bund und Länder sicher, dass die rechtlichen Grundlagen für eine Zusammenarbeit von ÖRM, Medien, Wirtschaft und Zivilgesellschaft etabliert werden (siehe Kapitel 2.5 Öffentlicher Auftrag). Die Bundesregierung setzt sich auch auf EU-Ebene für die Unterstützung der OSW-Idee ein, etwa durch eine Umsetzungsoffensive für zielführende Digitalgesetze. Wichtige Stakeholder – wie etwa die Bundesregierung – nutzen OSW-Anwendungen als primäres Medium für ihre Kommunikation. Einflussreiche Influencer*innen und Publisher folgen. So verlagern sich zentrale politische Debatten schnell ins Open Social Web. Durch diese Maßnahmen schwindet der Einfluss und die Attraktivität der derzeit dominanten Big Tech-Plattformen.
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